Un- Dankbar

Mir fällt es nicht immer leicht, dankbar zu sein.

Manchmal sehe ich nur das, was nicht so ist wie ich es gern hätte.

Manchmal bin ich so wütend, so enttäuscht von mir oder dem, was mir passiert.

Manchmal bin ich unglaublich frustriert.

Dann zweifele ich, ob all das so seine Richtigkeit hat. Ob ich wirklich das tue was ich will.

Ich frage mich, ob ich nicht lieber woanders wäre. Ich stelle mir vor wieviel ruhiger und spontaner mein Leben gewesen wäre, wenn ich keine Kinder hätte.

Ich schreie den Nachthimmel an, warum er so ungerecht zu mir ist. Warum ICH diese Prüfungen bestehen muss. Warum ICH solche Schmerzen ertragen musste.

Wenn ich meine Wut und meinen Frust in eben genannten Nachthimmel geschrien habe (das ist mehr metaphorisch gemeint, ich möchte meist niemandem zur Last fallen und schreie deshalb keine wildfremden Leute aus ihren warmen Betten), wenn ich nun also meinen Kummer endlich losgeworden bin, meist weil ein wunderbarer Mensch meinen Wutanfall sanft lächelnd erträgt oder eine traurige Mail verständnisvoll beantwortet oder weil mein Mann mir abends die Kinder abnimmt und ich einen Spaziergang mit mir ganz alleine machen kann; dann wird es ruhiger in mir.

Ich bekomme wieder Luft und ich kann wieder denken. In mir glimmt wieder ein Licht und ich kann es wieder sehen:

Das unglaubliche Glück mit dem ich beschenkt wurde!

Ich kenne Zeiten, in denen man sich so einsam fühlt dass man nicht mehr das Gefühl hat, am selben Ort wie alle anderen zu sein. Ich habe Schmerz kennengelernt der so tief geht, dass er alles in einem in Flammen steckt. Um dann nur Taubheit zu hinterlassen.

Ich kenne die Tage an denen man in den Spiegel schaut und die Augen, die zurückblicken sind wüst und leer.

Und dann kann man nicht leiden und dann verachtet man, dann ist gut nie gut genug und Menschen eh nur Belastung und überflüssig und kraftraubend.

Und dann sieht man die Fehler und sieht man die Mängel und der Kopf schmerzt und der Rücken ist verspannt und man bekommt Zahnschmerzen und eh, was soll das alles?

Dann werde ich zum Misanthropen und will niemanden sehen, niemanden hören und von niemandem Mails lesen.

Dann nervt mich der ständige Frohsinn der manischen Musik die überall aus Spielzeugen meines Sohnes dröhnt. Die ICH ihm NICHT gekauft habe!!

Einzig das Lächeln von Richard oder das umwerfende Lachen von Babyarnold vermag mich kurzzeitig umzustimmen. Aber dann kotzt sich das umwerfende Baby voll und sein entzückender Bruder schmiert Popel ans Sofa und die Glückseligkeit ist dahin.

Es gibt sie, solche Tage an denen mir nichts gefällt. Dann gehe ich zornig nach draußen und sitze auf der spielsandverkrusteten Kinderbank und starre in den Himmel und der Wind streicht mir durchs Gesicht und die ersten Frühlingsstrahlen wärmen und die Vögel singen und der Wald duftet und ja, okay, so schlimm ist das alles nicht. Ich atme gierig die frühlingsschwangere Luft und lausche dem balzenden Singsang und ja, ist schon in Ordnung. Der Große kommt in seinem Wollanzug zu mir gestapft und lacht über beide Ohren während er mir Sandpudding anbietet und versucht mich zu einer Runde Sandbuletten backen zu überreden. Der Kleine lauscht aufmerksam und mit großen Augen den erwachenden Frühlingsgeräuschen und kuschelt sich wohlig an mich.

Und ja, ich gebe zu: ich wurde beschenkt. Überreich sogar.

Zu viel des Guten

Wir leben in einer großartigen Zeit! Niemand von uns muss hungern, jedem wird ein Dach über dem Kopf ermöglicht, es mangelt uns an nichts.

Unsere Kinder sind satt und sauber, sie sind medizinisch versorgt und meistens gesund, sie gehen in die Krippe, den Kindergarten und in die Schule.

Es wird uns leicht gemacht.

Wir haben keinen Grund zu viel zu denken, dafür sorgt ein ausgeklügeltes Fernseh-und Werbeprogramm. Es gibt keinen Anlass ernsthaft unzufrieden zu sein, denn wir sind gepudert und wohlig gewickelt und werden satt gehalten.

Auf der anderen Seite stehen unsere Kinder und Jugendlichen, unsere Freunde und Partner und sie sind….unglücklich!

Wie kann das kommen?

Wir leben doch im wahrsten Sinne des Wortes im Überfluss?

Oscar Wilde sagte: Heutzutage kennen wir von allem den Preis, aber nicht den Wert.

Ich denke genau das trifft es.

Wir sind eine Konsum- und Wegwerfgesellschaft geworden. Ich habe gerade gelesen dass ein mitteleuropäisches Kind im Durchschnitt 150(!!!) Spielsachen hat. Unsere Kinderzimmer ertrinken in Spielzeug! Die Betten sind von Kuscheltieren überbevölkert! Unsere pädagogisch wertvollen Kinderbuchregale sind völlig überlastet! Aus den besten Absichten, versteht sich!

Sogar für unsere Säuglinge gibt es speziell auf Ihre Bedürfnisse angepasste und eigens für sie entwickelte, pädagogisch total hochgelobte Spielzeuge! Was übrigens, liebe besorgte Mütter und Väter, völliger Irrsinn und absolute Geldverschwendung ist! Gerade die Kleinsten verschmähen oft das Spielzeug und bevorzugen Alltagsgegenstände wie Schlüssel, Fernbedienung und raschelnde Verpackungen.

Wir wollen unseren Kindern und Enkeln alles bieten. Unser Kind soll es besser haben als wir es hatten. Wir möchten unsere Liebe zum Ausdruck bringen. Und wir ersticken unsere Kinder darin. Studien haben gezeigt: je mehr Spielzeug ein Kind hat, desto weniger spielt es damit. Weil das Kind völlig orientierungslos ist. Weil es zu viele Wahlmöglichkeiten hat. Das macht es unentschlossen und unglücklich. Und das schläfert seine Kreativität ein.

Hinzu kommt, dass wir immer das Bedürfnis verspüren, unsere Kinder beschäftigt zu wissen. Am liebsten sinnvoll beschäftigt. Damit meinen wir ein Spiel, das wenigstens uns sinnvoll erscheint. Kinder die sich langweilen machen uns nervös. Wenn sie suchend durch das Haus laufen oder stumpf vor sich hinstarren- das verwirrt uns. Ist mir neulich wirklich so passiert: unsere Große stand irritiert vor uns. Auf die Frage was los ist nur unsicheres von-einem-Bein-auf-das-andere-hüpfen. Zwei Minuten schauten wir ihr dabei zu. Dann fragten wir erneut was denn los sei. Daraufhin brach unsere Sechsjährige in Tränen aus.

„Ich weiß nicht was ich machen soll!“, dazu frustriertes Aufstampfen.

Langweilig! Ihr war langweilig! Dass das großartig ist sieht man nicht auf den ersten Blick. Aber Langeweile ist der Funken der die Kreativität entflammt!

Heutzutage versuchen wir so zwingend unsere Kinder vor Frustration zu schützen. Das ist natürlich nur gut gemeint, aber es ist gefährlich. Wir erziehen eine ganze Generation frustintolerante Menschen. Menschen, die in Tränen ausbrechen wenn sie sich langweilen. Menschen die es nicht ertragen wenn jemand nein zu ihnen sagt. Wenn wir unseren Kindern einen Gefallen tun wollen dann schaffen wir wieder Platz für eigene Ideen und Kreativität und misten jetzt radikal aus!

Und wenn wir den Kinderzimmerinhalt minimiert haben machen wir auch vor den Kleiderschränken nicht halt: Qualität statt Quantität! Mein Kind braucht keine dreizehn Pullover aus Polyester von KIK, fünf gute Pullover aus echter Qualität erfüllen ihren Zweck besser und platzsparender. Gerade bei Kleidung ist es sinnvoll, in Qualität zu investieren! Eine gute Hose übersteht hunderte Waschgänge, eine billige geht kaputt und bleicht aus noch bevor das Kind herausgewachsen ist. Ich kaufe gerne hochwertige Kleidung aus zweiter Hand. Ich liebe es meine Kinder gut anzuziehen, ich habe aber ein ganzes Rudel und das geht ins Geld! Das heißt dass meine Kinder auch die Kleidungsstücke ihrer Geschwister erben. Das funktioniert natürlich nur, wenn man ein hochwertiges Kleidungsstück erworben hat. Dann lohnt es sich auch, abends ein bisschen Zeit zu investieren um die Lieblingshose zu flicken.

Wir haben zwei Scheidungskinder in unserem Patchworkrudel. Als die Scheidung noch ein wichtiges Thema und die Mädchen noch voll zwischen den Fronten standen wurden die von beiden Seiten mit Spielzeug überschüttet! Jedes der Elternteile hatte Angst, dass die Kinder den anderen vorziehen könnten weil es von dem anderen Elternteil mehr Spielzeug gäbe. Ein Spielzeugwettrüsten!!

In der Zeit des Wettrüstens waren die Kinder konfus und unkonzentriert und sie wussten nichts wertzuschätzen.

Dann haben wir eingelenkt. Und zwar ziemlich radikal. Wir sind in den dreiwöchigen Sommerurlaub in den Garten gefahren und haben KEIN Spielzeug eingepackt. Wirklich! Wir haben Stifte und Malblöcke als einzige vorgefertigte Beschäftigung für diese Reise zugelassen.

Drei Tage lang hatten wir frustrierte Kinder.

Dann endlich erwachten sie aus ihrem Zustand völliger Unterreizung (nein, es gab auch kein Fernsehen) und sie begannen mit Stöcken und Tannenzapfen zu spielen. Anfangs sammelten sie die Dinge nur zusammen, dann wurde ihr Spiel komplexer. Nach vier Tagen Freispiel bauten sie Burgen aus Tannenzapfen, inklusive Burggräben! Und sie sprangen begeistert in Pfützen, gingen mit uns in den Wald und sammelten Stöcke um sich Angeln zu basteln. Wir haben sogar Fische gefangen! Wir hatten wunderbare und sehr glückliche Ferien.

So radikal die Langeweile einzuführen verlange ich selbstverständlich nicht von jeder Familie.

Aber hin und wieder ein bisschen weniger von allem, das täte uns ganz gut!

Schrumpelig

Ich habe Falten an meinen Fingerkuppen!

Da ist es nun, das eindeutige Zeichen dass ich alt werde.

Ich habe mich für ewig jung gehalten. Alt zu werden erschien mir recht sinnlos, das bringt doch so viele Wehwehchen mit sich!

Und nun das.

Die Knitterfalten um meine Augen? Jaa, aufgefallen sind sie mir schon! Aber die kommen schließlich vom Lachen!

Der Teint leuchtet nicht mehr wie „früher“? Ich habe bestimmt im letzten Jahr ein bisschen zu viel Sonne abbekommen! Der Rücken schmerzt? Nur weil ich das Kind gestern so lange getragen habe!

Aber Falten an meinen Fingerkuppen? Wie soll ich das erklären? Ist ja nicht so, als wäre ich gerade aus der Wanne gestiegen.

Ich muss mich dem wohl jetzt stellen. Ist ja irgendwie auch abenteuerlich, alt zu werden.

Meinen Wangenknochen zum Beispiel tut die nachlassende Elastizität meiner Haut ganz gut! Die sehen nun erhabener aus.

Ich werde wohl oder übel damit leben müssen dass ich langsam zu einer Rosine verschrumpele. Also trage ich es wohl besser mit Fassung. Hat ja auch Vorteile, dieses Älterwerden. Viele fallen mir da gerade nicht ein, ihr dürft mich aber gerne aufklären. Ausser diesem: Man glaubt nicht mehr ganz so blauäugig jeden Scheiss. Man hat halt schon Sachen gesehen. Auf gesehene Sachen werde ich in den nächsten Tagen genauer eingehen. Ist ja viel zu schade um die schönen Geschichten sie nicht zu teilen.

Also bis die Tage. Wenn ich wieder ein bisschen älter und meine Fingerkuppen ein kleines bisschen schrumpeliger sind.

Liebe!

Jeder von uns war wohl schonmal verliebt.

Herz über Kopf. Mit allen Sinnen. Schüchtern. Herzflatternd. Skeptisch. Vorsichtig. Sachlich. Leidenschaftlich. Loyal. Neugierig. Unfreiwillig. Wachsend. Es gibt so viele Arten wie man verliebt sein kann. Wichtig dabei ist nicht, wie man sich verliebt. Nur, dass man sich traut. Dass man sich traut den Kopf eine kleine Weile zur Seite zu schieben und das Herz übernehmen zu lassen.

Das kann furchteinflößend sein, vor allem wenn das verliebte Herz schon einmal enttäuscht wurde. Kaum ein Schmerz wiegt so schwer wie Liebeskummer.

Nun scheint es unsere Aufgabe zu sein, immer wieder JA! zur Liebe zu sagen.

Ja zum Verliebtsein.

Dabei ist wieder nicht wichtig in wen oder was man verliebt ist.

In den Kellner, das Mädchen von Nebenan, in den Duft einer frisch gemähten Wiese, in eine Idee die in einem reift, in den treuen fellnasigen Wegbegleiter, in das eigene Kind, den liebevollen Partner an der Seite oder ein gutes Buch- die Möglichkeiten sind unbegrenzt! Wichtig um zu lieben ist einzig und allein etwas Hingabe. Und dann ist ein Tag der Liebe für jeden ein Grund zur Freude und ein Anlass, das Haus mit Blumen zu schmücken.

Für Groll und Kummer habt ihr später noch Zeit! Erinnert euch daran, wie es ist zu lieben! Umarmt die Menschen, die ihr liebt und verbringt Zeit mit Dingen, die ihr gern tut! Lebt jetzt! Liebt jetzt! Macht euch einen schönen Valentinstag!

Bei Oma ist es am schönsten

Ein Wochenende bei Oma und Opa bedeutet immer Kinderlachen, rund gefutterte Bäuche und vor allem Ausnahmeregelungen.

Wie zufällig hat sie gerade Marmelade gekocht als wir mit unserer sechsköpfigen Bagage einreiten, die ersten verzückten Freudenschreie sind von der Kleinen zu hören. Ja, sie quietscht und hüpft während sie die vielen vielen Gläser ihrer Lieblingsmarmelade inspiziert.

Die Große kickt ihre Schuhe von den Füßen, lässt sich von Oma bei der Jacke helfen und sammelt ansatzlos Schalen und Schüsseln und Becher und all die Löffel, Rührbesen, Teigbuchstaben und Gummitiere zusammen um sofort ein Restaurant zu eröffnen.

Wir herzen uns, Geschenke werden überreicht (Oma hatte Geburtstag). Aber all das nimmt nur Sekunden in Anspruch, dann verlangt Richard Hilfe von „Moma“, die schält ihren Enkel dankbar aus seinen Klamotten, nebenbei gibt es noch einen Willkommenknutscher von Opa.

Dann wird der Jüngste aus seinem Maxicosi befreit, erstaunte „du bist aber groß geworden“-Ausrufe, dann folgt die ganze Meute Omas Anweisung und versammelt sich in der Stube. („Stube heißt Wohnzimmer“ bemerkt die Kleine mit Quietschestimme).

Das hier ist Richards große Zeit. Er und Oma, die beiden sind unzertrennlich. An diesem Wochenende werden wir sie, wie auch sonst an jedem Omawochenende, nur im Doppelpack erleben. Mama und Papa sind abgeschrieben. Außer um hin und wieder selbstgekochte Gummitier-Backbuchstabenmenüs von den Mädchen kredenzt zu bekommen und neue Bestellungen an sie aufzugeben („ein Latte Macchiato, Pasta mit Scampi Aglio e Olio, danach ein Tiramisu bitte“, „jawohl, kommt sofort“, nasal bestellt und nasal entgegengenommen, schließlich versuchen wir hier kleine Snobs heranzuziehen) haben wir keine Aufgaben. Lediglich der kleinste Windelpupser genießt unseren Nonstop-Komfort-Tragekuschelservice. Opa sitzt entspannt auf dem Sofa und strahlt Ruhe aus. Oma wuselt von der Stube in die Küche und zurück, immer ein oder zwei der Kleinen im Schlepptau. Richard marschiert stolz hinter Oma her, bewaffnet mit Zitronenpresse und Steinen, mit Nudelrolle und Keksen, die Oma fast nonstop anbietet.

Die Kleine hat sich in Omas Strickjacke gewandet und ist mit ihren Perlen geschmückt, ihrem Stand als Prinzessin entsprechend.

Zum Essen gibt es Hackbraten und Kartoffeln, Rotkohl und Sauce und vergnügtes Stimmenwirrwarr.

Dazu natürlich Kinderschnaps, Kiba in winzigen Gläschen. Und davon soviel, bis alle rund und satt und vergnügt grunzend vom Tisch rollen.

Die kleine Kinderarmee hilft Oma beim Tisch-abräumen, dann gibt es noch Eis und Schoki und Kekse und überhaupt, bei Oma darf man das.

„Bei Oma darf man das“, das kriegen wir an diesem Wochenende noch oft zu hören. Und während wir unserer kleinen Meute bei ihren Abenteuern zusehen erinnern wir uns an unsere Zeit bei Oma.

Und am Abend, wenn wir uns alle in die Betten und auf die Luftmatratze kuscheln sind sich alle einig: bei Oma ist es am schönsten!

Ich bin ständig voller Babykotze

Seit der Kleine so richtig strampeln kann rutscht mir hin und wieder beim Wickeln einer seiner kleinen Füße aus der Hand und platscht mit Schmackes in sein Eingemachtes.

Und weil der ja nicht stillhält verteilt er es in Rekordzeit im gesamten erreichbaren Umkreis. Wickeltisch, Arme, Beine (seine und meine), Bauch, Body, überall verteilt sich die gelbe Pampe. Dann heißt es das Chaos zu beseitigen während ich seinen großen Bruder („Mama, Kackaa!! Bibiii!!“) mit dem Fuß davon abhalte den Finger in eine der reichhaltigen Farbbreiquellen zu stecken und mir ein Bild an die Wand oder auf die Bettdecke zu malen.

Kinder sind was großartiges.

Meine sind ständig voller Kacke.

Dem Kleinen entferne ich zum vierten Mal an diesem Tag seinen gelben Milchschiss. Mit etwas Glück hat er sich nur einmal davon bis zum Rücken hochgekackt.

Der Große hat schon geregelteren Stuhlgang und belästigt mich in der Regel nur einmal am Tag mit dem erstaunten Ausruf:“ Mama! Gackaa!!“ während er hysterisch auf seinen kleinen Windelarsch tippt. Aber holla, seine Windelfüllungen haben es in sich!

Gestern hat er eine Murmel geschluckt. Ich bin schon gespannt wann ich die wieder zu Gesicht bekomme, das wird wie Weihnachten!

Wenn ich während des Windelwechsels genug Luft bekomme um auch mein Hirn mit Sauerstoff zu versorgen dann drehen sich meine Gedanken oft darum, sein Töpfchentraining zu intensivieren.

Damit er sich selbst um seinen Scheiss kümmern kann.

Nur, woher nimmt man die Zeit? Ich schaffe es kaum, zwischen Frühstück („setz‘ dich ordentlich hin, nein Richard lass das, hör auf das Toast ins Wasserglas zu krümeln“, währenddessen kotzt mich Arnold voll) und Mittag („Richard, iss mit der Gabel!“, während ich Arnold stille und nebenbei versuche auch etwas zu essen, im Anschluss kotzt mir Arnold ansatzlos über die Hose) mein Haar zu richten und mir meine roten Wimpern zu tuschen damit ich nicht ganz so kaninchenhaft aussehe.

Ich bewundere euch perfekt aussehende Mütter und Hausfrauen. Und ich staune über eure Freude an dem was ihr tut. Dass es euch erfüllt, mit den kleinen Scheissern zu toben, mit Ihnen Feuerwehrmann Sam zu gucken und endlos Murmeln durch die Murmelbahn zu kullern. Ihr habt meinen höchsten Respekt dafür, dass ihr es schafft nebenbei noch den Haushalt zu schmeißen, hunderte Babybodies zu waschen, staubzusaugen und Essen zu kochen in dem keine Tiefkühlpizza vorkommt.

Ihr seid wahre Heldinnen und Helden (hier standing ovations für meinen Mann bitte). Ihr seid für mich unnachvollziehbar produktiv!

Aber bevor ihr jetzt gleich alarmiert das Jugendamt informiert: die Kackbratzen bekommen auch bei mir was zu essen gekocht. Und ja, ich wasche und wickele sie und wir spielen und kuscheln viel. Und es macht uns allen Freude, Zeit miteinander zu verbringen.

Aber Gott, ich freue mich schon darauf wieder zu arbeiten, das wird wie Urlaub!

Selbstbestimmt mit Bauchgefühl

Ich hatte in letzter Zeit mit Ärzten zu tun.

Mit vielen Ärzten.

Nein, nicht etwa weil ich krank war oder bin.

Der Anlass dafür war viel freudiger: meine zweite Schwangerschaft.

Meine erste Schwangerschaft war verwirrend und erstaunlich; war ich doch für unfruchtbar (verklebte Eierstöcke, nur durch eine OP zu richten) erklärt worden. Um so glücklicher war ich, als ich langsam realisierte, dass da wirklich ein kleiner Mensch auf mich zukam.

Die Schwangerschaft verlief komplikationslos. Acht Tage nach dem Stichtag, der kleine Mann ließ auf sich warten, ging mein Frauenarzt in Urlaub. Es ist Norm in Deutschland, dass ab Stichtag jeden Tag untersucht wird ob es dem Ungeborenen gut geht, genug Fruchtwasser da ist etc.

Mein Arzt schickte mich also in die Klinik in der ich auch entbinden sollte um meine folgenden Untersuchungen vornehmen zu lassen, bis Monsieur Baby sich zeigen würde.

Als ich, glücklich, entspannt, gesund und neugierig Richtung Klinik rollte um meinen prallen Babybauch untersuchen zu lassen ahnte ich noch nicht, dass das der Beginn eines sehr einschneidenden Erlebnisses sein sollte.

In der Klinik angekommen wurden die üblichen Routineuntersuchungen vorgenommen. Dann wurde mir ans Herz gelegt, die Geburt einleiten zu lassen. Er wäre ja auch schon acht Tage drüber.

Ich entschied mich gegen die Einleitung, ich war sicher dass mein Körper dieses Baby bekommen würde, sobald das Baby bereit dazu war.

Man ließ mich einen Zettel unterschreiben: sollte das Kind sterben weil ich nicht habe einleiten lassen dann trage die Klinik nicht die Verantwortung dafür.

Ich war in Tränen aufgelöst.

Ich fühlte mich wahnsinnig unter Druck gesetzt. Und das, obwohl es mir und dem Baby gut ging!

Mir wurde noch mitgeteilt dass das Dokument vernichtet würde wenn ich meine Kliniktasche packen und doch zum einleiten vorbeikommen würde.

Wütend und ängstlich ging ich nach Hause.

Dort angekommen rief ich einen guten Freund an um mich mit ihm zu besprechen. Der glaubte an die Macht der Ärzte und schloss sich deren Empfehlung an.

Obwohl ich wusste dass es falsch ist und zu früh, obwohl mir klar war dass ich das nicht wollte, ging ich wieder in die Klinik, dieses Mal mit gepackter Tasche.

Dort wurde ich freundlich empfangen, eingewiesen und wir legten mit der Einleitung los. Dabei wird ein wehenförderndes Mittel an den Muttermund gebracht, entweder in Form einer Tablette oder eines Gels. Wenn der Körper soweit ist, dann beschleunigt das den Geburtsbeginn.

Mein Körper war noch nicht soweit.

Drei Tage lang gab man mir hormonelle Geburtsbeschleuniger. Zwischenzeitlich wollte ich die Behandlung abbrechen, ich fühlte dass es dem Baby schadet und hatte Angst um mein Kind. Unter Tränen bat ich darum, nicht weiter einzuleiten, aber ich wurde mit einem „wenn wir erstmal angefangen haben können wir nun auch nicht mehr aufhören“ abgewimmelt.

Im Laufe der drei Tage, in denen ich die verschiedenen Mittel bekam, setzten (künstlich hervorgerufene) Kontraktionen ein. Keine richtigen Wehen, denn der Muttermund öffnete sich keinen Millimeter. Aber mein Bauch wurde regelmäßig sehr hart. Mein Baby wurde stark durchgeknetet. An Tag zwei zeigte der Wehenschreiber nach jeder Kontraktion einen Herztonabfall des ungeborenen. Trotzdem wurde weiter eingeleitet.

An Tag drei wurden die künstlichen Wehen stark, aber weiterhin war mein Muttermund fest verschlossen. Die Herztöne meines Sohnes fielen nun nach jeder Wehe stark ab. Eine Hebamme scherzte noch „ das kommt mal vor, manche Kinder packen sich fest an die Nabelschnur und knocken sich selbst aus“.

Künstlich eingeleitetes Lachen meinerseits. Zum Lachen war mir echt nicht mehr zumute.

Mittlerweile war es Nacht geworden, seit etwa 13 Stunden war ich nun fast ununterbrochen am CTG.

Ich war am Ende. Ich hatte furchtbare Angst um mein Baby, ich konnte ja am CTG nachvollziehen, dass er nach jeder Wehe ohnmächtig wurde.

Kurz darauf betrat ein Mann in Zivil den Kreißsaal und ich wusste und war erleichtert: es war der Oberarzt, den die nun doch besorgten Hebammen aus dem Schlaf gerufen hatten.

„Guten Tag, ich würde mit Ihnen gerne über einen Notfallkaiserschnitt sprechen“.

Zwölf Minuten später war Richard da. Zwanzig Minuten später war ich ausgeschabt und ausgesaugt und zugenäht und konnte diesen unwirklichen Kerl in Empfang nehmen.

Es ging ihm gut.

Er hat all das gut überstanden.

Er war von oben bis unten voller Stress- Neurodermitis, aber er war da und gesund und heile.

Ich habe eine Weile gebraucht um zu realisieren, was da passiert war.

Und noch länger, bis körperliche und seelische Narben geheilt waren.

Ich hatte nicht auf meinen Bauch gehört. Ich hatte zugelassen, dass verunsichernde Stimmen von außen mein Bauchgefühl übertönten.

Ich hatte die Verantwortung abgegeben.

Das habe ich schon öfter an mir beobachtet. Sobald ein Arzt oder eine scheinbar kompetente Person vor mir steht, gebe ich meine Verantwortung auf.

Ich entscheide nicht mehr selber, ob und wie ich behandelt werde.

Ich habe durch meinen ersten Sohn gelernt, das zu ändern.

Es fiel mir soviel leichter, für ihn einzustehen als für mich.

Wie selbstverständlich stelle ich Urteile und Diagnosen in Frage wenn sie meine Söhne betreffen.

Nein, er braucht keinen Fiebersaft. Ja, ich gebe ihm Nasentropfen. Nein, er braucht kein Schmerzmittel nach einer Impfung.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Eigentlich sagt mein Bauch mir, meine Kinder nicht impfen zu lassen. Weil ich nicht weiß was in dem Impfstoff noch drin ist und ob es meinen Jungs schadet. Und weil ich selber nie geimpft wurde. Ich habe jede Kinderkrankheit gehabt und überstanden. Aber ich entscheide mich trotzdem immer wieder fürs impfen. Weil ich nicht nur meine Kinder damit schütze, sondern alle Kinder. Und alte Menschen. Und schwache. Solche, deren Immunsystem Masern nicht so einfach wegstecken würden wie meine kerngesunden Jungs.

Dabei geht es um Rudelschutz und darum schließe ich mich an.

Aber ich entscheide das selber. Meine Kinder haben mir beigebracht, auch für mich selber einzustehen.

Selber für mich zu entscheiden, ob ich eine Untersuchung möchte oder nicht. Eigenständig abzuwägen, ob ich ein Medikament brauche. Oder ein Nahrungsergänzungsmittel. Oder ob ich nicht doch lieber nach natürlichen Alternativen suche.

Heute traut sich kaum jemand mehr, das Urteil der Ärzte anzuzweifeln.

Dabei weißt du doch am allerbesten, was in Dir vorgeht.

Heute fühle ich mich stärker, eigenständiger und unabhängiger. Ich weiß dass ich nicht der Lieblingspatient meiner Ärzte bin; ich stelle viele Fragen. Und ich hinterfrage auch ihre Empfehlungen. Das sind unsere Götter in Weiß kaum mehr gewohnt.

Aber es erinnert sie vielleicht daran, dass auch sie Menschen sind. Dass auch sie Fehler machen. Dass es am besten ist, der Intuition des Patienten zu vertrauen.

Und gemeinsam mit dem Patienten zu heilen anstatt über ihn hinweg zu behandeln.

Daran glaube ich. Und ich bin dankbar. Dankbar, dass es da draußen Ärzte gibt, die zuhören. Dankbar für Ärzte, die schon verstanden haben dass Patient und Arzt mehr gemeinsam entscheiden müssen.

Dankbar für die Ärzte, die sich entscheiden zukünftig mehr darauf zu achten, ihre Patienten nicht zu bevormunden.

Und natürlich unendlich dankbar für meine beiden gesunden Jungs.

Und warum erzähle ich euch diese Geschichte?

Ich möchte euch ermutigen! Traut euch selbst! Hört auf euren Bauch! Lernt aus meinen Fehlern und lasst euch keine Entscheidung abnehmen, die ihr besser selber trefft! Horcht in euch hinein. Vertraut euch wieder selber!